Lerngeschichten – Klara und Tim

Unsere Pädagoginnen und Pädagogen dokumentieren Lernfortschritte ihrer Kinder in Entwicklungsalben. Sie haben auch die folgenden Lerngeschichten aufgeschrieben. Sie sind von tatsächlichen Ereignissen inspiriert. Die Namen der Kinder sind erfunden, die Erlebnisse jedoch authentisch.

Klara und Tim

Hallo Klara, hallo Tim! Es ist schon komisch, euch beide zum letzten Mal gemeinsam auf unserem Spielplatz zu sehen. Vor ein paar Minuten habt ihr eure Zuckertüten bekommen und nun schiebst du, Tim, deine Freundin Klara in ihrem neuen Rollstuhl noch einmal zum Karussell. Wie oft habe ich euch in den letzten Jahren zusammen beobachtet? Jedes Mal freute ich mich riesig darüber, wie schön ihr miteinander spielt und euch gegenseitig helft. Nächste Woche fangen für Klara bereits die Sommerferien an. Tim hat mir verraten, dass seine Ferien eine Woche später beginnen. Danach fängt für euch die Schule an.

Gerade erinnere ich mich an die Male in denen ihr zu mir in die Psychomotorik kamt. Tim schob Klara immer bis zu unserer Schaukel, öffnete ihren Gurt und sie rutschte aus ihrem „Flitzer“ und kroch auf die Schaukel. In der ersten Zeit musste ich ihr dabei noch viel helfen, aber je älter sie wurde, desto weniger brauchte sie unsere Hilfe und seit dem letzten Winter schafft sie es ganz allein. Um ehrlich zu sein, ich hätte ihr das vor ein paar Jahren nicht zugetraut. Du, Tim, hast dann meist ein paar Minuten Klara angeschubst, bevor du dir die Massagekiste geholt hast und zu mir gekommen bist.

Bei der allerersten Massage konnte ich gar nicht glauben wie lange du ganz entspannt liegen bliebst und es genossen hast. Vorher kannte ich dich nur als den Supersportler der immer am höchsten kletterte, am schnellsten rannte und am weitesten sprang.

Wenn ich so an die Vergangenheit denke, erinnere ich mich auch daran was deine Gruppenerzieherin einmal über dich sagte: „Der Tim will einfach nicht malen, ich hab’ schon so viel versucht.“ Doch ein paar Wochen später sah ich dich doch mit Klara im Atelier verschwinden. Natürlich bin ich gleich gucken gekommen und, zugegeben, ein wenig ungeschickt sah es schon aus wie du versucht hast einen Dino zu malen – oder war es vielleicht doch ein Tannenbaum?  Umso mehr freute ich mich vor ein paar Monaten als du mir ein Bild geschenkt hast. Es war echt toll! Ich konnte Klara, dich und mich sowie unser großes Schiff gut erkennen.

Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich mir fast sicher, dass dich Klara dazu motiviert hat. Du, liebe Klara, bist wohl ein kleines Talent, es verging nämlich kaum ein Tag an dem du nicht irgendein schönes Bild oder eine tolle Bastelei angefertigt hast.

Ich erinnere mich auch noch an euren ersten Tag in der Krabbelgruppe. Du, Klara, saßt bei Mama auf dem Schoß und hast die anderen Kinder beobachtet. Plötzlich ging die Tür auf, und Tim kam mit seiner Mama an der Hand herein. Ich glaube deine Mama war ängstlicher als du. In der allerersten Zeit habe ich dich, liebe Klara, oft weinen gehört. Deine Erzieherin sagte mir, dass du große Schwierigkeiten hast, dich von Mama zu lösen. Im Gegensatz dazu ist Tim, vom ersten Tag an, ohne eine Träne zu vergießen gern zu uns gekommen. Im Gegenenteil – da gab es dann beim Abholen Geschrei.

Nach ein paar Wochen war mir dann aber aufgefallen, dass ich euch beide kaum noch hörte. Eure Erzieherin erzählte mir, dass Klara nun gern kommt. Und da ihr von euren Mamas meist zur gleichen Zeit abgeholt wurdet, konnte Tim die Klara ein Stück schieben und brauchte so auch nicht mehr weinen. Ich bin mir sicher, dass bereits damals eure Freundschaft begonnen hat.

Als es nun Abschied nehmen hieß, war es deine Mama, Tim, der es eindeutig schwerer fiel, „Flax & Krümel“ zu verlassen. Ihr könnt es kaum erwarten, endlich zu den Großen zu gehören. Wenn ich so über alles nachdenke, kann ich deine Mama gut verstehen. Irgendwie bin ich jetzt auch etwas traurig. Bloß gut, dass es keiner merkt, schließlich freut ihr beide euch schon wahnsinnig auf die Schule.

Notiert von Maik Pohl.